| Interview mit PD Dr. Torsten
Zuberbier Nahrungsmittelallergien: Unter Allergien gegen Nahrungsmittel leiden immer mehr Menschen. Das Bild der Beschwerden ist äußerst vielfältig. Die Ursachensuche gestaltet sich oft schwierig, denn Atemwegsbeschwerden, Quaddeln auf der Haut, Gesichtsschwellungen, Kehlkopf- und Zungenschwellungen bis hin zum lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock gehören zum vielfältigen Beschwerdebild. Symptome können sich aber auch unter körperlicher Belastung (Sport) entwickeln: Entzündungen in der Nase und der Augenbindehaut, Asthma bronchiale, Magen-Darm-Störungen, Quaddeln, Gesichtsschwellungen und Kreislaufzusammenbrüche gerade unter sportlicher Belastung machen den Betroffenen dann das Leben schwer. Herr Dr. Zuberbier, wie gehen Sie bei Patienten mit einem so komplexen Beschwerdebild vor? Dr. Zuberbier: Das wichtigste ist zunächst die sehr genaue Erhebung der Krankengeschichte. Ich achte auf eine Plausibilität von Beschwerden und möglichen Auslösern. Bei der Testung achte ich sehr darauf, daß die Substanzen untersucht werden, die mit einer größeren Wahrscheinlichkeit als Auslöser in Frage kommen, wie Ei, Milch, Soja, Erdnuß und Weizen. Was läßt in Ihnen den Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie entstehen? Dr. Zuberbier: Der Verdacht entsteht dann, wenn über Beschwerden berichtet wird, die in zeitlichem Zusammenhang wiederholt nach Genuß von Nahrungsmitteln auftreten. Zum Beispiel nach wenigen Minuten bis zu einer halben Stunde nach Verzehr der Nahrungsmittel können dann akute Symptome auftreten wie Nesselfieber, Durchfall oder akute Atemnot. Wie bestätigen Sie den Verdacht? Dr. Zuberbier: Das wird mit einer Hauttestung oder In-Vitro-Testung (Labordiagnostik) bestätigt. In Zweifelsfällen wird noch zusätzlich ein Provokationstest vorgenommen. Welche Körperflüssigkeiten sind für eine Überprüfung geeignet? Dr. Zuberbier: Nur Blut. Wie testen Sie? Dr. Zuberbier: In der In-vitro-Diagnostik wird die Menge des Gesamt-IgE (Antikörper im Blut) ermittelt. Dann wird die Blutprobe auf häufige spezifische Antikörper gegen Nahrungsmittel-Allergene wie Ei, Milch, Soja, Erdnuß, Weizen und Fischprotein untersucht. Sind Sie zufrieden mit der Testpalette der Firma DPC Biermann? Dr. Zuberbier: Ja, auf jeden Fall. Die Tests sind sehr zuverlässig. Sie stehen in guter Korrelation mit der klinischen Symptomatik von Patienten. Was bedeutet ein positiver Befund für den Betroffenen? Dr. Zuberbier: Ein positiver Befund ist nur ein Anhalt für den Untersucher. Ein erfahrener Allergologe muß jetzt herausfinden, ob das Ergebnis klinisch relevant ist, bevor er es dem Patienten mitteilt. Wenn der Befund wichtig ist, muß der Patient auf das Nahrungsmittel verzichten. Was können die Betroffenen noch essen? Dr. Zuberbier: Dies hängt vom Nahrungsmittel ab, auf das eine allergische Reaktion gefunden wurde. Bei Äpfeln ist zum Beispiel das Allergen hitzeempfindlich, das heißt gekochte oder gebackene Äpfel werden meist gut vertragen. Wenn manche Nahrungsmittel dagegen mit Zucker erwärmt werden, steigern sie ihre Allergenität. Anders sieht es bei Fisch aus, das Allergen ist hitzeunempfindlich. Fisch muß dann bei sämtlichen Zubereitungsformen gemieden werden. Erschwerend kommt hinzu, daß solche Allergene auch verdeckt vorkommen können, wenn zum Beispiel in einer Restaurantküche die Fleischsauce noch Fischspuren enthält. Hochgradig gefährdete Personen sollten weitestgehend auf industriell gefertigtes Essen vor allem Restaurantessen verzichten. Was können die Betroffenen selbst tun? Dr. Zuberbier: Für Erwachsene ist die einzige Möglichkeit, daß sie die Nahrungsmittel meiden oder einige nur noch gekocht zu sich nehmen. Die andere Frage ist, wie kann ich Menschen vor Allergien schützen. Das betrifft vor allem Neugeborene und Säuglinge. Hier ist es sinnvoll, daß, wenn eine Gefährdung in der Familiengeschichte vorhanden ist, kuhmilch-eiweißfrei ernährt wird. Das heißt, daß die Säuglinge mindestens bis zum 6. Monat gestillt werden sollten. Auch danach sollten in der Ernährung häufige Allergene wie Ei, Milcheiweiß und Nüsse gemieden werden. Dies bezieht sich auf Säuglinge, nach dem 2. Lebensjahr spielt das meist keine Rolle mehr. Was halten Sie von der Kennzeichnungspflicht der Nahrungsmittel- Inhaltsstoffe? Dr. Zuberbier: Leider gibt es bisher nur eine unzureichende Kennzeichnungspflicht in Deutschland. Verunreinigungen, also Spuren von Zusätzen, müssen nicht deklariert werden. Ein Fallbeispiel: Dr. Zuberbier: Bei einem Patienten, der nach dem Genuß eines Maracuja-Eises ohnmächtig wurde, stellten wir eine Latex-Allergie als Auslöser fest. Für eine richtige Diagnose muß die Kreuzreaktion von Latex und Maracuja bekannt sein. Was ist die Folge, wenn ich alle allergisierenden Nahrungsmittel weglassen? Dr. Zuberbier: Wenn eine Nahrungsmittel-Eliminationsdiät durchgeführt wird, müssen die Betroffenen gut von einer Ernährungswissenschaftlerin oder Diätassistentin beraten werden, damit Vitamine und Spurenelemente in ausreichender Menge aufgenommen werden. Bei der Ernährung von Säuglingen ist darauf achten, daß eine umfassende Alternativ-Versorgung gewährleistet ist. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Nahrungsmittel- und Pollenallergie? Dr. Zuberbier: Säuglinge, die allergisch auf Hühnerei reagieren, entwickeln später oft eine Pollenallergie mit klinisch relevanter Asthma-Symptomatik. Außerdem sind Kreuzreaktionen zwischen Pollen und Nahrungsmitteln bekannt, zum Beispiel Birke und Apfel. Können Betroffene von den Allergien geheilt werden? Dr. Zuberbier: Grundsätzlich: ja. Nahrungsmittelallergien im Säuglingsalter verlieren sich oft zum 2. Lebensjahr, auch wenn man im Serum weiter spezifisches IgE nachweisen kann. Anders sieht es bei Erwachsenen aus: Eine Allergie persistiert oft über viele Jahre. Unter langer Allergenmeidung besteht jedoch die Möglichkeit, daß die Reaktion nachläßt und irgendwann nicht mehr auslösbar ist. Leider besteht keine sichere Möglichkeit zu hyposensibilisieren. Man kann dies lediglich in Einzelfällen bei Milch und Ei unternehmen, die Erfolge sind aber nicht so gut wie bei den Pollen-Allergikern. Vielen Dank für dieses Gespräch! Copyright © DPC AKADEMIE
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